Vom Rudolph-Spinoff zur BioNTech-Tochter

Mittlerweile sind vier Jahre seit dem legendären Anruf von Ugur Sahin vergangen: „Wollen wir was zusammen machen?“ Der Rest ist Geschichte: Ende 2019 wurde die BioNTech-Tochter am Weinberg Campus gegründet, Anfang 2020 begann die Corona-Pandemie und im Dezember 2020 war der BioNTech-Pfizer-Impfstoff der erste und später einer der erfolgreichsten COVID-19-Impfstoffe. – Wie es dazu kam, dass ein Unternehmen vom Weinberg Campus in dieser internationalen Erfolgsstory „mitgemischt“ hat, darüber spreche ich bei einer Tasse Kaffee mit Steffen Panzner (Bild rechts) und Christian Reinsch, den Köpfen hinter BioNTech Delivery Technologies.

Text: Bert-Morten Arnicke

Christian Reinsch und Steffen Panzner

Normalerweise wird nicht zurückgeschaut, so die beiden einhellig. Aber an diesem sonnigen Mai-Tag am Weinberg Campus machen wir eine Ausnahme. Steffen Panzner war der erste der beiden am Campus. Er studierte über die Wendezeit Biochemie und diplomierte bei Gunter S. Fischer. Nach der Promotion bei Tom A. Rapoport am Max-Delbrück-Zentrum für Molekulare Medizin in Berlin sollte es eigentlich gemeinsam mit dem Doktor-Vater an die Harvard Medical School nach Boston gehen. Ein paar Monate später fand er sich aber aus familiären Gründen wieder in Good-Old-Halle mit der Frage: „Was kann ich hier machen?“ Leichte Frustrationsgefühle in Richtung Grundlagenforschung trieben Panzner „in die Arme“ des Proteinchemikers Rainer Rudolph, der im neuen Biotechnikum am Weinbergweg seine Schützlinge reihenweise zu Gründungen motivierte. Vier der sechs Rudolphschen GruppenleiterInnen gründeten Unternehmen, darunter Ulrike Fiedler mit Scil Proteins.

„Ich war heiß drauf, zu gründen.“ (Steffen Panzner)

Im Umfeld des IT-Hypes Ende der 1990er Jahre galt Biotech als „second best“ und so gründete Steffen Panzner 1999 mit Patenten, die schon an der Uni angemeldet wurden, sein erstes Unternehmen mit Namen „Novosom“. „Novosom“ stand für einen neuen Typus von Liposomen, die therapeutisches Genmaterial in die Zellen transportieren sollten. Ein Moonshot, überambitioniert. Aber die Grundlagen wurden gelegt und ab 2003 öffnete sich das Anwendungsfester mit sogenannter siRNA. Der Ansatz sieht vor, mit kurzen RNA-Strängen Gene gezielt ausschalten zu können. Die siRNA waren zu dieser Zeit „en vogue“ und begeisterten Investoren, mit dabei auch die Beteiligungsgesellschaft Sachsen-Anhalt. Nachdem die Liposomen stabil und funktional waren, mussten sie ihre Fracht nur noch an der richtigen Stelle „abgeben“. Hier hatte letztendlich der einzige weltweite Wettbewerber aus Vancouver technologisch die Nase vorn. Im Juli 2010 wurde Novosom auf Basis eines umfangreichen Patentportfolios an einen amerikanischen Erwerber verkauft.

Mittlerweile war auch Christian Reinsch am Campus und bei Novosom angekommen. Seit 1999 als Biologie-Student bei Karin Breunig hatte sich Reinsch mit der Proteinexpression in Hefen, dem Spezialgebiet seiner Mentorin, beschäftigt und diplomierte zu diesem Thema. Ausgestattet mit einem starken Hang zur Genetik und Interesse an angewandter Forschung war er 2004 auf den Fluren des Bio-Zentrums einer Novosom-Projektmanagerin über den Weg gelaufen, und die Dinge nahmen ihren Lauf. Nach anfänglichen Ausflügen mit liposomalen Depotsystemen für Peptide und Proteine marschierte Christian Reinsch ab 2006 im Liposomen-Gleichschritt zur siRNA. Mit seinem besonderen Interesse der Biologie und Medizin zu dienen, entwickelte sich Reinsch in den nächsten Jahren zum unverzichtbaren wissenschaftlichen Partner von Steffen Panzner, die Kompetenzen ergänzten sich. Am Ende der Novosom-Zeit kam es zum ersten Kontakt mit Ugur Sahin und Özlem Türeci. Konkret begegnete man sich 2009 in Mainz bei einem Vorstellungsgespräch im damaligen Unternehmen GANYMED der beiden. Reinsch bekam die Zusage von Ugur Sahin, als „Formulierer“ einer völlig neuartigen therapeutischen Technologie (mRNA) mitzuwirken. Er hätte nach Mainz gehen können, aber das Leben beziehungsweise Steffen Panzner hatten andere Pläne.

Panzner beschreibt den Impuls zum Neuanfang so: „Ruft der Investor den Wissenschaftler an: ‚Sag mal, hast du noch eine Idee?‘“. Die Novosom-Patente waren verkauft, das Unternehmen abgewickelt, die Erfahrungen gemacht. Und es gab Ideen. Panzner und Reinsch, der ehemalige Doktorand jetzt Mitgründer und Running Mate, wollten gemeinsam „Garage machen“, also zeigen, dass es auch in den Biowissenschaften mit viel Coworking und sparsamem Startgeld funktioniert. Panzner startete hands-on bei Kollegen im TGZ Bitterfeld-Wolfen, während der Biologe Reinsch die Versuche an den Zellkulturen am hiesigen Weinberg Campus durchführte. Ein Jahr tief im Projekt, absolut keine Ablenkung, dann stand die neue Technologie. Vorab hatten die beiden die Lipocalyx gegründet und den Anschub finanziert.

Lipocalyx sah sich als „Ermöglicher von Gentherapie“, es geht weiterhin um Delivery-Systeme für Nukleinsäuren, aber mit neuer Technologie. Man forscht mit hoher Gründlichkeit und baut parallel eine professionelle Vertriebs- und Marketingplattform für die „Viromer“-Produktreihe auf. 2014 steht mit dem Thema mRNA das nächste „große Ding“ auf dem Plan. Auch diese großen Nukleinsäuren müssen irgendwie in die Zelle. Und Lipocalyx weiß ziemlich genau, wie das geht. In diese spannende Zeit fallen die nächsten Treffen mit BioNTech, man bleibt über einschlägige Fachkonferenzen in Kontakt. 2017 ist ein entscheidendes Jahr für Lipocalyx. Der wirtschaftliche Break-even gelingt, 20 Leute arbeiten in den Büros und Laboren im Innovation Hub am Weinbergweg und der erste langfristige Kooperationsvertrag mit dem Mainzer Unternehmen BioNTech wird unterzeichnet. Die Wege laufen aufeinander zu.

2019 kam BioNTech wieder auf die beiden Forscher und Entwickler zu. Das Timing passt, und aus der Lipocalyx GmbH wird am 6. Januar 2020 die BioNTech Delivery Technologies GmbH. Eine Woche später startet BioNTech das Projekt Lightspeed. Das Know-how der Hallenser fließt substanziell in die Entwicklung und Produktion des Corona-Vakzins ein. Auch die Vakzin-Produktion bei Dermapharm im nahe gelegenen Brehna wird aus Halle mit gesteuert. Das Spezialwissen, welches Steffen Panzner und Christian Reinsch in den letzten über 20 Jahren forschenden Unternehmertums am Weinberg Campus gesammelt haben, hat letztendlich zum Interesse und zur Übernahme durch BioNTech geführt.

„BioNTech ist das schnellste Unternehmen mit der höchsten Bandbreite, das ich je kennengelernt habe“, so Steffen Panzner. Und was heißt das für die Arbeit und die Kultur im Unternehmen? „Alle Mitarbeitenden haben super mitgezogen. Alle wissenschaftlichen Mitarbeitenden sind dem Unternehmen treu geblieben und unsere Kultur wurde bewahrt“, so Christian Reinsch. Die hohe Verantwortung und die Anzahl der Projekte im Konzernverbund verändern natürlich die Balance zwischen wissenschaftlich-technischer und Organisationsarbeit. „Trotzdem bewahren wir uns die Bereitschaft, tief zu tauchen, das heißt gründlich wissenschaftlich zu arbeiten.“ Nicht nur für das Unternehmen von Steffen Panzner und Christian Reinsch waren die vergangenen Jahre entscheidend. Auch andere Spin-offs am Campus wachsen und werden von Konzernen wie zum Beispiel WACKER übernommen. Wie beurteilen die beiden diese Entwicklung? „Wir haben lange auf das Erreichen dieser kritischen Masse gewartet. Nach 20 Jahren in der Nische sind Nukleinsäuren und ihr Delivery im Zentrum der Aufmerksamkeit.“

Webseite des Konzerns: www.biontech.com