TDG – Mit Innovationskraft zu mehr Gründungsperspektive
Das Bündnis Translationsregion für digitalisierte Gesundheitsversorgung (TDG) baut im Mitteldeutschen Revier Sachsen-Anhalt ein Innovationsökosystem auf, das den Strukturwandel mit wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und sozialen Innovationen im Bereich Digital Health gestaltet. Warum daraus auch neues Gründungspotenzial erwächst.
Text: Anne Breitsprecher
Die Innovationskraft in Deutschland und damit die Zukunftsfähigkeit von Wirtschaft und Gesellschaft sinkt. Laut Innovationsindikator 2023 liegt die Bundesrepublik auf Platz 10 von 35. Solides Mittelfeld. Tendenz fallend. Länder wie die Schweiz, Singapur oder Dänemark haben dagegen seit Jahren die Nase vorn im Ranking vom Bundesverband der Deutschen Industrie, Roland Berger, Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung ISI und Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung. Was die Top-Scorer als Standortvorteile gemeinsam haben? Neben hohen Investitionen in Schlüsseltechnologien sind das die engen Kooperationen zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft. Genau darauf setzt auch die Translationsregion für digitalisierte Gesundheitsversorgung (TDG). Im Süden Sachsen-Anhalts koordiniert die Universitätsmedizin Halle (Saale) mit der TDG ein offenes Bündnis, das sich mit dem Hinterherhinken nicht zufriedengeben möchte.
Novum in Deutschland
Die Mission: „Wir wollen bis 2038 ein nachhaltiges Innovationsökosystem mit überregionaler und internationaler Strahlkraft im Bereich Digital Health etablieren“, sagt Projektleiter Dr. Patrick Jahn. “Diese Vision ist auch Bestandteil des Strukturentwicklungsprogramms für Sachsen-Anhalt.” Im medizinischen Kontext habe es ein vergleichbares Bündnis in Deutschland bisher noch nicht gegeben.
Die Ausgangslage für das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Projekt ist dabei Herausforderung und Chance zugleich. Nirgendwo sind die Menschen in Deutschland älter als in der TDG-Region. Jeder vierte Einwohner, jede vierte Einwohnerin ist aktuell über 60 Jahre alt. Die prognostizierte Versorgungslücke an Pflegefachpersonen ist die viertgrößte bundesweit. Praxisschließungen aus Altersgründen nehmen perspektivisch eher zu als ab. Insbesondere im ländlichen Raum entsteht bereits jetzt dringender Handlungsbedarf. Und die TDG handelt.
15 Millionen Euro für die Region
Seit Projektstart 2019 wurden 21 Forschungs- und Entwicklungsprojekte durch das Bündnismanagement initiiert, die in drei Innovationsbereichen stattfinden. Es geht um digitalisierte wohnortnahe Versorgungskonzepte, digitalisierte Wohnformen bei Pflegebedürftigkeit und um digitale Angebote für Pflegende. „Die Innovationen finden quasi vor der Haustür, hinter der Haustür
und in den Köpfen statt“, sagt Patrick Jahn. In allen Projekten kooperieren Wirtschaft und Wissenschaft eng miteinander. „Meistens arbeitet ein Startup mit einer etablierten Firma im Verbund zusammen.“
ADApp sei eines der TDG-Leuchtturmprojekte. „Die Idee und Initiative kommt mit der Apotheke am Bauhaus unmittelbar aus der Versorgung. Als technische Partner arbeiten eine Softwarefirma mit einem Drohnen-Startup zusammen. Sie entwickeln mit wissenschaftlicher Unterstützung aus der Hochschule Anhalt und der MLU an einer kompletten Logistikkette und nutzerbasiert die drohnenbasierte Medikamentenlieferung.“ Im Juni liefen in Dessau die ersten Modell-Zustellungen unter Realbedingungen: vom E-Rezept bis zur Lieferung nach Hause. Eine Premiere in Deutschland. Das involvierte Startup Labfly hat aktuell seinem Sitz in Berlin. Angesichts der positiven Rahmenbedingungen gibt es seitens des Unternehmens Ambitionen, einen Standort in Sachsen-Anhalt zu eröffnen.
Insgesamt fast 15 Millionen Euro Fördermittel sind durch die TDG-Projekte bisher in die Region geflossen, auch in die Idee hinter RehaTransHome. Das Projektteam entwickelt ein smartes Wohnraum-Assessment, das Menschen nach einer Rehabilitation die Rückkehr ins häusliche Umfeld erleichtert. „Virtuelle Realität ist schon lange nicht mehr nur eine Spielerei, sondern hat das Potenzial als Technologie, das Gesundheitswesen zu bereichern“, sagt Marcel Deutschel, Diplom VR-Informatiker von der Codemacher UG mit Sitz am Weinberg Campus und Teil des Projektteams.
Wettbewerbsfähigkeit ist ein Muss
Neben der Versorgungssicherheit und den sozialen Innovationen im Mitteldeutschen Revier Sachsen-Anhalt verfolgt man innerhalb des TDG-Bündnisses auch wirtschaftliche Interessen. „Nur wenn wir es schaffen, die Innovationen am Leitmarkt Gesundheit zu platzieren, werden sie einen Effekt für die Menschen in der Region haben“, so Patrick Jahn. „Wir adressieren Wettbewerbsfähigkeit und gesellschaftliche Bedarfe.“ Bei einer 2021 durch die Strategieberatung Conomic erstellten Umfrage unter den über 100 TDG-BündnispartnerInnen wurden die Teilnehmenden zu möglichen Transferkanälen und ihrem Potenzial im Hinblick auf den Strukturwandel befragt. Regionale Kooperation (100%) und Wissenstransfer (93%) sind für die Bündnispartner die wichtigsten Transferkanäle mit dem höchsten Potential für den Strukturwandel. An dritte Stelle kamen direkt Gründungen (60%), die aus diesen erfolgreichen Kooperationen entstehen können.
Zwar gibt es noch keine konkreten Ausgründungspläne, doch das sei nur eine Frage der Zeit, ist Dr. Karsten Schwarz überzeugt. „Die TDG ermutigt vor allem auch Wirtschaftspartner durch die Stärke des Netzwerks, die Förderung und die enge Betreuung durch das Bündnismanagement, in neuen Entwicklungsrichtungen und Anwendungsbereichen aktiv zu werden“, sagt der TDG-Koordinator. Dass bereits in der Entwicklungsphase potenzielle EndnutzerInnen in die TDG-Projekte involviert und ebenfalls Teil des Bündnisses sind, erhöht die Aussicht auf Erfolg und Akzeptanz der neuen Technologien wesentlich.
Antwort auf den Fachkräftemangel
Gelingt dies, kann die TDG auch eine Antwort im Hinblick auf den Fachkräftemangel bieten. „Digitale Innovationen haben das Potenzial, unsere Region und auch die Pflegeberufe attraktiver für den Nachwuchs zu machen“, sagt Patrick Jahn. Der Pflegewissenschaftler weiß: „Es braucht dafür neue Geschäftsmodelle, die wiederum hochmoderne und neue Arbeitsplätze schaffen. Die TDG kann hier durch den Austausch und die Vernetzung der Akteure wichtige Impulse setzen.“
Ein erneuter Blick ins Ausland zeigt, dass die TDG damit auf einem guten Weg ist. Die Bertelsmann Stiftung hat unter dem Motto „Von der Welt lernen“ aktuell eine umfangreiche internationale Good-Practice-Recherche veröffentlicht. Ein Ergebnispapier argumentiert anhand von Beispielen aus Kanada, Schweden, Israel oder Australien, dass die institutionalisierte Vernetzung von AkteurInnen aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft eine wesentliche Bedingung ist, um mittels innovativer Technologien wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit zu stärken und gleichzeitig drängende gesellschaftliche Herausforderungen zu bewältigen.
“Die Fallbeispiele motivieren und zeigen, dass wir mit der TDG auf einem guten Weg sind”, sagt Patrick Jahn. Man werde weiter auf die Bündnisarbeit und die Entwicklung sinnvoller digitaler Innovationen in der Gesundheits- und Pflegeversorgung setzen. „Die Menschen in unserer Region brauchen die Gewissheit, dass im Krankheitsfall oder im Alter für alles gesorgt ist. Dazu werden wir als TDG unseren Beitrag leisten und weiter wachsen.“
Webseite des Bündnisses: www.inno-tdg.de