Hidden in den Weinbergwiesen
Von Anne Breitsprecher (aus dem aktuellen Weinberg Campus Magazin 2024)
Das hallesche Unternehmen point electronic vereint Gegensätze: Von außen ein historischer Art-Deco-Altbau mitten im Grünen, innen modernste Hightech-Lösungen für die Elektronenmikroskopie. In familiärer Atmosphäre entwickelt das Team um Christoph Sichting Innovationen, die weltweit Maßstäbe setzen.
Die NASA gehört zu den namhaften Kunden von point electronic. Auch der Autohersteller Tesla nutzt Elektroniken des halleschen Unternehmens – so wie viele weitere internationale Firmen und Organisationen, über die Geschäftsführer Christoph Sichting in den meisten Fällen nicht reden darf: “streng geheim“. Richtig ist man bei point electronic am Weinberg Campus, wenn es um Technologien und Geräte für Elektronenmikroskopie geht. Spezialisiert hat sich das einstige Spin-off der Martin-Luther-Universität Halle (Saale) seit der Gründung 1992 auf deren Entwicklung, Herstellung und den Vertrieb.
Die Firma bietet mittlerweile ein Portfolio, das Detektoren, Analysesysteme und komplette Steuerungen für verschiedenste Mikroskop-Anlagen umfasst – und mehr noch. Gibt es Kunden mit individuellen Bedarfen, entwickeln die Expertinnen und Experten aus Halle auch Lösungen, die es so noch gar nicht gibt. Ein Service, der sie zu Weltmarktführern in ihrem Bereich macht. Alle Komponenten “made in Halle“ bieten maximale Schnittstellenflexibilität aufgrund von transparenter Soft- sowie flexibel einsetzbarer Hardware. Auch in die Jahre gekommene Mikroskope bringt man so effizient, werterhaltend und ressourcenschonend auf den neuesten Stand der Technik. Für das Marketing lässt sich dieses Alleinstellungsmerkmal allerdings nur bedingt nutzen.
3.500 Intallationen in 50 Ländern der Welt
„Nicht überall, wo point electronic drin ist, steht auch point electronic drauf“, sagt Christoph Sichting. „Wir haben über 3.500 Installationen in über 50 Ländern der Welt und Partner in 30 Ländern. Doch gerade unsere Kernprodukte verschwinden gerne mal in großen Anlagen.“ Man sehe sie schlichtweg nicht, da sie – einmal verbaut – den Namen der Kunden tragen. Ein Umstand, der point electronic im wortwörtlichen Sinn zum Hidden Champion macht.
Mit der Teilnahme an den Wettbewerben um den Hugo-Junkers-Preis für Forschung und Innovation aus Sachsen-Anhalt sowie um den IQ Innovationspreis Mitteldeutschland kam man 2023 erstmals aus der Deckung heraus. „Wir hatten in unserer 30-jährigen Firmengeschichte durchaus schon ein paar preiswürde Rekorde“, sagt Sichting. „Nur sind wir bisher damit nicht an die Öffentlichkeit gegangen.“ Was zum Beispiel wenig bekannt ist: Die Gründer Wolfgang Joachimi und Achim Prautzsch trugen in den 90er Jahren maßgeblich dazu bei, die Digitalisierung im Bereich der Elektronenmikroskopie voranzutreiben.
Bewusst suchte das point-electronic-Team mit dem In-Situ Electrical Analyser im vergangenen Jahr nun die große Bühne im eigenen Bundesland. Das Gerät ermöglicht die Tiefenanalyse von Halbleitern in einem bisher unerreichten Auflösungsbereich. Vergleichbar sei die Leistung damit, Straßenlampen einer Stadt vom Mond aus auf Fehler untersuchen und dabei auch schalten zu können, heißt es in einer Beschreibung des Unternehmens. Material, Struktur und elektrische Funktion der immer kleiner werdenden Bestandteile von Mikrochips lassen sich mit dem Analyser beim An- und Ausschalten des angelegten Test-Stroms in Echtzeit untersuchen. Und erleichtern damit den im Produktionsprozess so wichtigen Schritt der Qualitätskontrolle erheblich.
„In Sachsen und Sachsen-Anhalt zielt seit einiger Zeit alles Richtung Halbleiterindustrie ab“, sagt Christoph Sichting. Die Strukturen der Halbleiter werden immer kleiner, die Bedarfe immer größer, das spüre man auch bei point electronic. „Unsere Wettbewerbsteilnahmen waren daher ein bisschen dem Zeitgeist geschuldet.“ Dass die Expertinnen und Experten aus Halle die Innovationssprünge nicht nur mitgehen, sondern ihnen auch einen Schritt voraus sind, honorierten beide Jurys.
Point electronic gewann den dritten Platz in der Kategorie „Innovativste Projekte der angewandten Forschung“ beim Hugo-Junkers-Preis und erhielt den Innovationspreis der Stadt Halle (Saale). Für das 25-köpfige Team sei die Teilnahme eine besondere und spannende Erfahrung gewesen, die für sehr viel Resonanz und Aufmerksamkeit gesorgt habe, so Sichting. Der Jurist führt seit zehn Jahren die Geschäfte.
Er sieht insbesondere im Kampf um Nachwuchskräfte einen Vorteil darin, wenn sich rumspreche, dass point electronic ein kleines, innovatives und „irgendwie cooles“ Unternehmen ist. Schon der Standort innerhalb des Technologiepark Weinberg Campus macht Eindruck. Lässt man sich über Google-Maps zum Erich-Neuß-Weg Nummer 15 navigieren, empfiehlt einem der Kartenanbieter in der Nähe des Ziels einen „schönen Weg für einen Spaziergang“. Tatsächlich grenzt der Firmensitz direkt an die Weinbergwiesen.
In Halle verankert, in der Welt zu Hause
„Wir sind hier mitten im Grünen. Viele von uns kommen mit dem Rad zur Arbeit. Wir sitzen auch mal draußen im Garten oder grillen zusammen. Es gibt definitiv Schlimmeres“, sagt Christoph Sichting. Auch in Bezug auf die Architektur geht es besonders weiter. Im Kontrast zum Wacker Biotech Neubau direkt gegenüber hat die point electronic GmbH seit 2002 ihren Sitz in einem Art-Deco-Altbau Baujahr 1926. In den Wänden steckt Geschichte und dazwischen entsteht die technologische Zukunft. „Dieses Haus beschreibt die Firmenkultur schon sehr gut“, so der Geschäftsführer. „Es ist familiär und die Hierarchien sind flach. Wir haben das Glück, sehr viel Erfahrung und Talent im Haus zu haben sowie Leute, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen“, so Christoph Sichting. Ein großer Vorteil, auch bei der Einarbeitung von Nachwuchskräften.
Trotz tiefer Verankerung in Halle, sei point electronic jedoch in der ganzen Welt zu Hause. Die Unternehmenssprachen sind Deutsch und Englisch. Es gibt einen weiteren Standort in Potsdam und eine Außenstelle in Cluj, Rumänien, wo Chief Technology Officer Dr. Grigore Moldovan lebt und arbeitet. Auch ein Großteil der Kundschaft kommt aus dem Ausland. Dabei aktuell trotz geopolitischer Herausforderungen für das Unternehmen im Fokus: Südostasien mit Schwerpunkt China. Ein riesiger, sehr dynamischer Markt mit einem großen Bedarf – „und allen Vor- und Nachteilen, die man daraus ableiten kann“, sagt Geschäftsmann Sichting.
Wie passt der Weinberg Campus als Standort zu den internationalen Aktivitäten? „Solange es den Flughafen in Leipzig noch gibt, passt das gut“, so der 42-Jährige. Doch auch am Campus selbst schätze er die Nähe beispielsweise zum Fraunhofer Institut für Mikrostruktur von Werkstoffen und Systemen, zur Uni oder den außeruniversitären Forschungseinrichtungen und Partnern. Auch wenn es in Sachen Synergien noch Luft nach oben gäbe.
Sichting denkt etwa an eine campusweite Plattform zum unkomplizierten Austausch von Equipment nach. „Wir hätten die Möglichkeit, Elektronenmikroskope zur Verfügung zu stellen. Andere Firmen haben andere Dinge. Den Gedanken weiterzudenken, fände ich interessant.“
Der Firmensitz von point electronic war ursprünglich Teil der einstigen „Königlich-Preußischen Provinzial-Irrenanstalt Nietleben“. Bis zur Wende nutzte die russische Armee die Villa unter anderem als Kranken- und Wohnhaus. 2002 übernahm BioSoil den Auftrag zur Schadstoff-Sanierung des Areals, das später zum „Wissenschafts- und Innovationspark Heide-Süd“ bzw. zum Weinberg Campus werden sollte. Während dieser Zeit bezog das Unternehmen die Villa und übernahm deren umfangreiche Sanierung. Heute steht das Gebäude unter Denkmalschutz.
Zur Webseite des Unternehmens point electronic
Foto (Th. Meinicke): Die Kernprodukte von point electronic stecken in Elektronenmikroskopen und Anlagen. Es handelt sich um Detektoren, Analy-
sesysteme oder Steueranlagen. Manche Technologien und Geräte entwickelt das Unternehmen auch exklusiv für seine Kunden.