Dr. Andreas Anton
Wacker Biotech GmbH
Projektleiter Pandemiebereitschaft
Text: Ines Godazgar
Die Wacker Biotech GmbH hat den Zuschlag der Bundesregierung für die Produktion von Impfstoffen im Fall einer Pandemie erhalten. Im Zuge der damit einhergehenden Erweiterung des Standorts Weinberg Campus sollen in Halle bis zu 200 neue Jobs entstehen. Einen der ersten hat kürzlich Dr. Andreas Anton angetreten. Der gebürtige Thüringer leitet das Pandemiebereitschafts-Projekt der Wacker Biotech. Im Interview erklärt er, was sich hinter diesem Arbeitsgebiet verbirgt und warum Pandemien auch in Zukunft nicht ausgeschlossen sind.
Sie waren in den vergangenen Jahren in Dessau tätig und sind nun bei der Wacker Biotech auf dem Weinberg Campus genauso neu wie Ihr Arbeitsgebiet. Wie kam es dazu?
Meine Stelle als Projektleiter der Pandemiebereitschaft wurde neu geschaffen. Grund dafür war ein gänzlich neues Arbeitsfeld, für das ein Koordinator gesucht wurde. Insofern bin ich neu im Team, aber: Die WACKER ist mir grundsätzlich nicht fremd, denn ich war bereits zwischen 2014 und 2017 für das Unternehmen tätig. Als ich gefragt wurde, ob ich das Pandemiebereitschaftsprogramm leiten möchte, musste ich erstmal eine Nacht darüber schlafen. Das Angebot klang spannend, aber ich hatte und habe vor dieser neuen Aufgabe durchaus Respekt, denn auch ich betrete mit ihr Neuland.
Ihr neues Büro liegt im Gebäude des TGZ 3 in Heide-Süd. Fühlt sich das nicht ein bisschen wie Heimkommen an?
Ein bisschen schon. Ich habe an der Uni Halle studiert und später viele Jahre hier auf dem Campus für Scil Proteins gearbeitet. Ich kenne also einen Großteil des momentanen Teams bereits. Außerdem wohne ich in Heide-Süd und damit in unmittelbarer Nähe zum Campus. Insofern ist mir hier alles sehr vertraut. Mein Büro kann ich jetzt in drei Gehminuten erreichen.
Was muss man sich unter ihrem neuen Aufgabenbereich, der Pandemiebereitschaft, konkret vorstellen?
Dahinter steckt der Wunsch, auf künftige Pandemien besser vorbereitet zu sein und im Ernstfall bei der Suche nach Kapazitäten und Materialien nicht bei Null beginnen zu müssen, sondern auf eine bereits existierende Grundstruktur zurückgreifen zu können. Hier spielen natürlich die Erfahrungen aus der zu Beginn der Corona-Pandemie herrschenden Impfstoffknappheit eine große Rolle. Die Bundesregierung möchte verhindern, dass sich ein solches Szenario wiederholt. So entstand dort der Wunsch, sich für die kommenden Jahre im Rahmen eines offiziellen Vergabeverfahrens gezielt abzusichern.
Müssen wir denn mit weiteren Pandemien rechnen?
Das ist leider nicht ganz unwahrscheinlich. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Klar ist, dass alle menschlichen Aktivitäten, die den Klimawandel und den Verlust von Biodiversität begünstigen, zugleich das Risiko für Pandemien erhöhen. Insofern sind Pandemien eine echte Bedrohung für die Menschen, der man einerseits mit einer veränderten und angepassten Lebensweise, andererseits mit besseren Vorsorgemaßnahmen entgegentreten muss. An dieser Stelle spielt die Pandemiebereitschaft eine wichtige Rolle.
Noch mal zurück zur Vergabe durch die Bundesregierung: Wie sah das Verfahren konkret aus?
In Deutschland ansässige Pharmaunternehmen und Hersteller, die über das entsprechende Know-how und die Kapazitäten für die Impfstoffproduktion verfügen, konnten sich bei der Bundesregierung für sogenannte Pandemiebereitschaftsverträge bewerben. Die Ausschreibung umfasste jeweils verschiedene Spezialisierungen, also zum Beispiel die Fertigung von Impfstoffen auf Protein-, Viren- oder auf mRNABasis. In diesem Verfahren hat sich die Wacker Biotech gemeinsam mit der CordenPharma als Bietergemeinschaft für die Produktion von Impfstoffen auf Basis von Messenger-Ribonukleinsäure (mRNA) beworben und dafür auch als einziger Lohnhersteller den Zuschlag erhalten.
Was bedeutet das in der Praxis?
Im Falle einer neuen Pandemie sollen Wacker Biotech und CordenPharma bis zu 80 Millionen Impfstoff-Dosen im Jahr herstellen.
Wo liegen dabei die Herausforderungen?
Wir kennen heute weder die potenzielle Erkrankung noch den dazugehörigen Impfstoff. Daher versuchen wir uns auf ein theoretisch vorstellbares, wissenschaftlich basiertes Szenario vorzubereiten. Die Kapazitäten zur Produktion der avisierten Impfstoffmenge werden wir vorhalten müssen, ganz gleich, ob es gerade ein Pandemie gibt oder nicht. Dafür erhalten wir von der Bundesregierung ein jährliches Bereitschaftsentgelt. Zugleich werden wir aber dafür sorgen, dass die geschaffenen Produktionskapazitäten sinnvoll für die Herstellung von Impfstoffen und neuen Therapieansätzen verwendet werden. Das bedeutet: Wir müssen Alternativen haben, also Aufträge für Impfstoffe, die wir in der Pandemie-freien Zeit produzieren. Da sind eine gute Logistik und vorausschauende Planung gefragt.
Was sind Ihre Aufgaben für die nächsten Monate?
Die Bereitschaftsphase beginnt im Jahr 2024. Bis dahin müssen wir hier die gesamte Struktur und die nötigen Kapazitäten für die Produktion geschaffen haben. Der Aufbau erfolgt im Zuge eines größeren Ausbauprojekts, in dessen Realisierung der Standort Halle als Kompetenzzentrum für die mRNA-Produktion ausgebaut wird. Geplant ist eine Erweiterung der Produktion um insgesamt vier Produktionslinien. Bis zu 200 neue Mitarbeiter sollen dafür eingestellt werden.
Wie muss man sich den Ernstfall vorstellen oder anders gefragt: Was würde passieren, wenn es wirklich zu einer Pandemie käme?
Mit dem Start der Bereitschaftsphase halten WACKER und CordenPharma Produktionskapazitäten für den Ernstfall vor. Tritt dieser ein, stellt die Bundesregierung den Kontakt zu dem Unternehmen her, das den jeweiligen mRNA-Impfstoff entwickelt hat, der produziert werden soll. WACKER und CordenPharma übernehmen dann gemeinsam die Produktion
dieses Impfstoffs.
Und in den Zeiten ohne Pandemie?
Dann wird WACKER in Halle zum Beispiel Wirkstoffkandidaten für die klinische Entwicklung herstellen. Zudem wird hier die pharmazeutische Formulierung mit Lipid-Nanopartikeln (LNP) des mRNA-Wirkstoffs erfolgen.
Das ist ein gutes Signal für den Standort und darüber hinaus …
… auf jeden Fall. Wir können hier mit unserer Expertise etwas beitragen, um auf künftige Pandemien besser vorbereitet zu sein. Wir produzieren seit mehr als 20 Jahren Wirkstoffe für die klinische Prüfung oder die Marktversorgung von Arzneimitteln. Ein tiefes wissenschaftliches und ingenieurtechnisches Verständnis für biotechnologische Prozesse zeichnen die Wacker Biotech aus, dies werden wir auf die Herstellung von mRNA-Wirkstoffen übertragen. Schnelle und effiziente Prozesse sind das Herzstück unserer Arbeit und die Corona-Pandemie hat ja gezeigt, dass es viele Vorteile mit sich bringt, wenn Impfstoffe im eigenen Land produziert werden. Aus diesem Grund werden wir hier in den nächsten Monaten und Jahren unser Bestes geben, um auf den Ernstfall vorbereitet zu sein.
Webseite des Konzerns: www.wacker.com